Fatma Aydemir – Ellbogen: Lesenswert?

Der Debütroman „Ellbogen“ von Fatma Aydemir hat mich sprachlos zurückgelassen.
Es dauerte jetzt auch fast zwei Monate, bis ich darüber schreiben kann. Ok, ich war zwischenzeitlich im Urlaub und habe einige meiner Herzensmenschen besucht, aber losgelassen hat mich „Ellbogen“ nicht.

Worum geht es in „Ellbogen“?

Hazal lebt mit ihrer Familie im Berliner Wedding und geht zu einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme. Die Ausbildungsplatzsuche läuft schlecht, der Nebenjob in der Bäckerei ihrer Tante Defne ist nicht besonders toll. Hazals Vater arbeitet als Taxifahrer. Er ist ein Mann, der auch mal aus Angst oder Scham zuschlägt. Ihre Mutter bleibt meist in der Wohnung, „sie kann ja nicht mal richtig lesen und schreiben“ (S.42). Ihr jüngerer Bruder Onur ist ein Dealer, der auch nicht davor zurückschreckt, Hazals guten Freund Eugen auszurauben.

Zwischen den Welten

Hazal lebt in der Hauptstadt und sie hat kein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Eltern. Kleine Freiheiten wie Wodka zum Geburtstag, Ausgehen oder Schminke ergaunert sie sich. Sie ist nicht allein, mit Gül, Elma und Ebru verbindet sie eine Freundschaft. Hazal lebt zwischen den Welten, zu Hause ist alles sauber und ordentlich, Konflikte werden mit Gewalt gelöst – oder es wird Mantel des Schweigens darüber gelegt. Besonders diese Stelle ist mir dazu im Gedächtnis geblieben (S.41):

„Typisch. Die ganze Wohnung stinkt nach neongelbem Bodenreiniger, aber unter den Schränken rollt sich der Schmutz zusammen, klebrig und schwarz.“

Kein gesellschaftliches Koordinatensystem will so richtig passen: Die junge Frau ist zu türkisch für die Deutschen und zu deutsch für die Türken (wie wir an späterer Stelle in Istanbul noch erfahren). Die scheinbar unüberbrückbare Differenz wird u.a. an dieser Stelle ganz deutlich (S.176):
„(…) weil ich so mit sechzehn von einer Ausbildung als Raumausstatterin geträumt habe. Wurde natürlich nichts draus, weil sich kein deutscher Kunde auf den Geschmack von Kanaken verlassen würde. Und weil Kanaken wiederum niemals eine Raumausstatterin bezahlen würden.“

Berghain? Nein!

Dieses Leben zwischen den Welten und der verweigerte Einlass bei einem großen und wohl bekanntesten Berliner Technoclub (das Berghain wird nicht explizit genannt) führt zu Frust. Es gibt einen brutalen und gleichermaßen ungeplanten Übergriff.
Hazal flüchtet zu ihrer facebook-Bekanntschaft Mehmet nach Istanbul. Im zweiten Teil des Buches geht es auch um die Proteste am Taksim-Platz und die angespannte und aufgeladene Stimmung in der Stadt. Meine These: Die türkische Metropole spiegelt das aufgewühlte Seelenleben der Protagonistin wieder.

Die Musik in „Ellbogen“

„I´ma ruin you cunt!
Elma, Gül und ich springen wie drei Gestörte in Elmas Zimmer herum und rufen immer wieder den einzigen Satz, den wir aus `212`kennen (…).“

(Pop-) Musik spielt in „Ellbogen“ eine eher untergeordnete Rolle, aber sie kommt vor.
Beim Stylen für die Geburtstagsparty hört die Clique den sehr treibenden Song „212“ von der streitbaren Künstlerin Azealia Banks (S. 83).
Beyoncé wird dreimal in Aydemirs Buch genannt, ihr scheint aber keine größere Bedeutung zu zukommen (S.42):
„Beyoncé schreit mir ins Ohr, dass sie jealous und crazy ist.“

Und immer wieder „Umbrella“

Hingegen als Leitmotivisches kann Rihannas Welthit „Umbrella“ betrachtet werden. Der Song wird sieben mal im Roman erwähnt. Zum ersten mal als Hazal Elma zu Hause besucht und diese „supermies“ drauf ist, da der Freund ihrer Mutter Elma stalkt und belästigt (S.55). Darauf angesprochen ersticht der „hässliche Merdzan“ die Mutter ihrer Freundin beinahe.
Die Mädchen bleiben zu dieser Zeit zu Hause:
„Wir haben die Nächte durchgemacht und von irgendwelchen Jungs aus der Achten geschwärmt. Wir haben uns quer auf mein Bett gelegt, die nackten Füße gegen die Wand gestellt und `Umbrella` gesungen. Ella, ella, ey“.

Kurz nach der zentralen Gewalttat bei der Hazal eine aktive Rolle einnimmt, kehrt die Umbrella-singend-auf-dem-Bett-liegend-Szene zurück in ihre Gedanken (S.115). Hier ist allerdings der Liedtext umfangreicher als bei der ersten „Umbrella“-Nennung:
„When the sun shines we shine together, told you I´ll be here forever, you can stay under my umbrella. Ella“.

Zusammen unterm Regenschirm

Ob Elma der Mordkommission den Pop-Song vorsingt, fragt sich Hazal später (S.161).
Das Lied scheint der Soundtrack zu ihrer Freundschaft zu sein. Er ist Teil einiger Erinnerungen an Hazals Zeit mit Elma. Durch diesen Hit macht Elma der Protagonisten auch ein Kompliment (S.182):
„Elma wollte mich tagelang davon überzeugen, ich würde aussehen wie Rihanna im `Umbrella`-Video. „
Ganz am Ende der Geschichte, als Hazal in der Türkei ist und sich in einem Gebüsch versteckt, wird der Track ein letztes mal genannt (S.235):
„Und da merke ich, dass das gar nicht der Ezan ist, den ich kenne, das ist eine andere Melodie, ein anderer Text, das ist ein anderes Gebet, eines, das ich noch nie in meinem Leben gehört habe. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass der Imam ein neues Lied anstimmt, eines das mir vertraut ist, ‚Umbrella`vielleicht, ja, dass von allen Minaretten Istanbuls gleichzeitig ‚Umbrella` ertönt. When the sun shines we shine together. Wieso nicht?“

Der Song könnte als Mantra bzw. als Versprechen für ein besseres Morgen gesehen werden.

Fatma Aydemir ist Teil einer neuen Generation von Künstler*innen

Mich hat Fatma Aydemirs Erstlingswerk direkt beim ersten Lesen gefesselt. Die Autorin gehört zu einer postmigrantischen Generation von Kunstschaffenden, die derzeit die spannendsten Impulse geben, wie ich finde:
Die Intendantin Shermin Langhoff öffnete das Maxim Gorki Theater für ganz neue Stücke und eine Generation von heterogenen Künstler*innen. Idil Nuna Baydir nimmt uns in ihrer Rolle als Jilet Ayse mit ins türkische Wohnzimmer und macht intersektionale Diskriminierung sichtbar. SXTN zeigen uns, wie sich eine Jugend in Neukölln (Juju wuchs dort auf) und ihr heutiges Party-Berlin anfühlt.
Neue Welten werden so eröffnet, bye bye „Parallelgesellschaft“, falls es dich jemals gegeben hat.

Ist „Ellbogen“ lesenswert?

Fatma Aydemir brilliert durch klare und authentische Sprache. Sie hat eine konsitente Tonalität und verfasst mit „Ellbogen“ ein Buch, in dem sich die Welt nicht trennscharf in gut und böse oder Türke und Kartoffel einteilen lässt. So einfach ist es einfach nicht.
Kurz: Ja, „Ellbogen“ ist unbedingt lesenswert.

Dank und Hinweis

Vielen Dank an den Hanser Verlag für das Bereitstellen des E-Books von „Ellbogen“. Die genannten Seitenzahlen beziehen sich auf das E-Book und scheinen nicht identisch mit denen der Printausgabe zu sein. Das Foto von Fatma Aydemir habe ich bei Langen Buchnacht im Berliner aquarium am 20.05.17 aufgenommen.

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